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Germanys Saarland – ein Industriestandort, der auch durch seine zentrale Lage überzeugt

Industrie 4.0 und der Faktor Mensch

Die umfassende und ganzheitliche Optimierung hin zu einem Industrie 4.0-Prinzip stellt viele Unternehmen vor große Herausforderungen. Neben der Neuausrichtung technischer Prozesse und dem Einstieg in neue Technologien ist der Faktor Mensch entscheidend für den Schritt in die industrielle Zukunft. Zwei sehr unterschiedliche, im Saarland ansässige Unternehmen erläuterten uns im Gespräch, wie sie mit diesen Herausforderungen umgehen und warum sie das von Saarland aus tun.

Nobilia: Der größte Küchenhersteller Europas baut auf modernste Produktionsprozesse und seine Mitarbeiter. Dass er im Saarland genau die richtigen Fachkräfte findet, bestätigt er im Interview.

Centigrade: Hohe Anforderungen brauchen klare Interfaces. Eindeutig eine Aufgabe für den UX-Spezialisten aus Saarbrücken, der Maschinen zugänglich und intuitiv bedienbar macht.

 

Nobilia: „Erfolg wird von Menschen gemacht.“

Europas größter Küchenhersteller baut derzeit ein neues Werk in Germany’s Saarland. Dr. Lars M. Bopf, Geschäftsführer der Nobilia-Werke, sprach mit uns über die Bedeutung der Automatisierung in der Möbelbranche, internationale Märkte und wichtige Standortfaktoren.

Nobilia-Geschäftsführer Dr. Lars Bopf treibt gemeinsam mit seinen Mitarbeitern die Innovation in der Möbelbranche voran. Foto: Dirk Guldner

Frage: Sie sind ein traditionsreiches Familienunternehmen, das in der Produktion neue Wege geht. Woher nehmen Sie Ihre Innovationskraft?

Dr. Lars M. Bopf: Erfolg wird von Menschen gemacht. Diese Haltung hat das unternehmerische Handeln bei Nobilia von jeher stark geprägt. Trotz unserer Größe ist unsere Unternehmenskultur familiär und von einem großen Wir-Gefühl getragen. Das ist eine starke Basis, Innovationen voranzutreiben und systematisch umzusetzen. Dabei ruhen wir uns nie auf unseren Erfolgen aus. Es ist Teil unserer Unternehmens-DNA, unsere Produkte, Prozesse, Technologien und Services kontinuierlich zu verbessern. Diesen stetigen Fortschritt überlassen wir nicht dem Zufall, sondern gehen ihn strategisch an. Jedes erreichte Ziel stärkt uns für den nächsten Schritt.

Frage: Welche Bedeutung hat Industrie 4.0 für die Nobilia-Werke?

Dr. Lars M. Bopf: Jede Nobilia-Küche ist ein Unikat; dabei nimmt der Wunsch des Endkunden nach individuellen Produkten stetig zu. Die steigende Varianz und die damit einhergehende zunehmende Komplexität in der Fertigung und Abwicklung lässt sich ohne vernetzte Systeme und einen Datenaustausch zwischen den Fertigungsanlagen nicht beherrschen. Von der Auftragsübermittlung per EDI, der elektronischen Erfassung und Auftragsbearbeitung im Vertriebsinnendienst über die Fertigung bis hin zur Auslieferung durch unsere moderne Auslieferflotte mit neuem Telematiksystem haben wir dank digitalisierter Prozesse eine lückenlose Transparenz über den einzelnen Kundenauftrag. Ist das Eingreifen eines Mitarbeiters erforderlich, wird dieser per Computer bzw. mobilem Gerät informiert und kann korrigierend aktiv werden.

Spatenstich für das neue Nobilia-Werk im Saarland mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und der Wirtschaftsministerin des Saarlandes Anke Rehlinger. Foto: Dirk Guldner

Frage: Stellen neue Produktionsprozesse neue Anforderungen an Ihre Mitarbeiter? Und wenn ja, welche Qualifikationen sollten junge Menschen heute erwerben?

Dr. Lars M. Bopf: Neue Produktionsprozesse stellen stets auch neue Anforderungen an die Mitarbeiter. Das Wissen, das zur Bedienung unserer Anlagen notwendig ist, wird in der Ausbildung allein nicht vermittelt. Technologien der neuesten Generation sind zwar immer intuitiver bedienbar, dafür ist aber zum Beispiel ein tieferes Verständnis der Produktionsprozesse erforderlich. Wir qualifizieren unsere Mitarbeiter gezielt dafür. Daher sind technisches Interesse und die eigene Motivation, ständig etwas Neues zu lernen, heute unabdingbar. Darüber hinaus wird die soziale Kompetenz immer wichtiger, etwa der professionelle Umgang mit Team-Kollegen oder die Problemlösungskompetenz. Wir haben in Saarlouis bereits eine kleine Stammbelegschaft, die diese Voraussetzungen erfüllt. Deren erfolgreiche Arbeit ist auf dem Lisdorfer Berg unübersehbar.

Frage: Herr Dr. Bopf, Produktion in Europa, insbesondere in Deutschland, wird als kostenintensiv bezeichnet. Sie haben sich für den Standort Germany’s Saarland entschieden. Warum? Und welche Märkte bedienen die Nobilia-Werke vom Saarland aus?

Dr. Lars M. Bopf: Für unsere hochwertigen Möbel hat sich die Produktion in Deutschland bewährt. Daher haben wir auch bei der Entscheidung für einen neuen Standort daran festgehalten. Ursächlich hierfür sind verschiedene Faktoren. Wichtig ist für uns die Nähe zu Frankreich, unserem Hauptexportland. Es ist von Saarlouis aus sehr gut zu erreichen. Insofern kommen wir unseren Kunden in Frankreich, aber auch in weiteren südeuropäischen Ländern geografisch ein gutes Stück entgegen. Das spart Transportkosten und erleichtert die Logistik. Außerdem bietet das Saarland ein gut strukturiertes Fachkräfteangebot. Viele Menschen hier sprechen Französisch. Mit unserem starken Bezug zu Frankreich ist auch das für uns attraktiv.


Centigrade: „Einer der wichtigsten Aspekte neben der Entwicklung und Implementierung neuer Prozesse und IoT-fähiger Produktionsanlagen ist der Faktor Mensch.“

Die Umgestaltung der Industrie hin zur „Smart Factory“ stellt Unternehmen in vielerlei Hinsicht vor große Herausforderungen. Einer der wichtigsten Aspekte neben der Entwicklung und Implementierung neuer Prozesse und IoT-fähiger Produktionsanlagen ist der Faktor Mensch. Es gibt eine Vielzahl von Schulungen und Weiterbildungen, die Mitarbeiter für die Maschinen fit machen sollen. Centigrade geht einen anderen Weg und entwickelt Interfaces, die Maschinen für die Mitarbeiter fit machen. Thomas Immich, CEO von Centigrade erläutert im Interview, warum Industrie 4.0 mehr ist als neue Maschinen und warum die Schnittstelle Mensch-Maschine neu gedacht werden muss.

Thomas Immich, CEO Centigrade, setzt den Menschen in den Mittelpunkt der Entwicklung.

Frage: Centigrade versteht UX Design und Engineering als strategische Komponente bei der Entwicklung neuer Maschinen, Anwendungen und Prozesse. Was heißt das?

Thomas Immich: Unter dem oft schwammigen Begriff ´Strategie‘ verstehe ich in erster Linie: ‚Lasst uns nicht länger im Zustand des Abarbeitens bleiben, sondern mit wenigen smarten Schritten zu umstoßenden Veränderungen kommen. Dieses Motto lassen wir bei Entwicklung von Benutzeroberflächen für Maschinen und Anlagen immer einfließen.

Gerade im UX-Bereich zahlt sich eine gute Strategie doppelt aus: die meisten Nutzer sind ja ohnehin überfordert mit der Menge an Features, die sich Ihnen jeden Tag aufbürdet. Gegenmaßnahmen müssen also darauf abzielen, den Nutzern deutlich weniger Funktionen zu bieten. Das führt zum einen zu zufriedeneren Nutzern mit mehr Kompetenzerlebnissen, gleichzeitig aber eben auch zu weniger Implementierungskosten, denn viele Funktionen können bereits in der Konzeptphase gestrichen oder zumindest herunterpriorisiert werden.

Frage: Industrie 4.0 erhöht den Automatisierungsgrad, vernetzt Maschinen und Prozesse und lässt Maschine und Werkstück miteinander kommunizieren. Welche Bedeutung kommt da der Schnittstelle Mensch noch zu?

Thomas Immich: Eine sehr hohe Bedeutung! Natürlich übernehmen Maschinen und insbesondere auch Roboter immer mehr einfache Handgriffe. Aber in mindestens ähnlichem Maße steigt ja auch die Komplexität der produzierten Güter sowie der Wunsch des Verbrauchers nach Individualisierung. Die flexible Produktion, von der die Industrie 4.0 träumt, ist nur möglich, wenn der Mensch weiterhin einen hohen Stellenwert, aber eben mit veränderten Arbeitsaufgaben einnimmt.

Nehmen wir zum Beispiel einen unserer langjährigen und hoch-innovativen Kunden, SEW-EURODRIVE: Trotz Automatisierung auf höchstem Niveau, ist es auch im Top-Management völlig klar, dass der Mensch der ´Dirigent der Wertschöpfung‘ ist. Diese Wortschöpfung stammt übrigens nicht von mir, sondern vom visionären Herrn Soder, dem technischen Geschäftsführer von SEW.

Es geht also bei der Industrie 4.0 natürlich um Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz, Cobotic oder autonome Vehikel. Aber das alles muss doch von Menschen verstanden, justiert, gesteuert und verantwortet werden! Da ist eine selbsterklärende und eingängige Benutzeroberfläche das A und O.

Frage: Sie arbeiten für große Maschinenbauer. Mit welchen Anforderungen treten die Unternehmen an Sie ran?

Thomas Immich: Natürlich hat jedes Unternehmen, dass unsere UX-Dienstleistungen beansprucht, sehr spezielle Anforderungen. Aber trotz all der Individualität und trotz all der facettenreichen Bestrebungen von Automatisierern, Komponentenherstellern, Serien- und Sonder-Maschinenbauern oder gar Anlagenbetreibern, kann man sagen: am Ende des Tages ist eine übergreifende Anforderung, dass alte, verkrustete Prozesse im Sinne der Nutzer neu gedacht, neu visualisiert und effizienter gemacht werden sollen. Die Nutzer sollen Freude bei der Bedienung erleben und auch ohne Handbuch oder Expertenschulung ihr Ziel erreichen können!

Frage: Wie hoch ist der Forschungsanteil in Ihrem Unternehmen?

Thomas Immich: Unser Forschungsetat hängt immer stark von der wirtschaftlichen Entwicklung des letzten Geschäftsjahres ab. Wir können aber mit Stolz sagen, dass wir überdurchschnittlich viel in Forschung und Entwicklung investieren. Beispielsweise haben wir regulär immer zwei BMBF-geförderte Forschungsprojekte parallel laufen. Wir streben also die Nähe zu Forschungspartnern wie den Fraunhofer Instituten, dem DFKI (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz) oder technischen Universitäten proaktiv an, um auch bei der UX-Entwicklung immer wieder über den Tellerrand zu schauen. Es gibt so viele Themen da draußen, deren Zeit zum Teil noch nicht reif sein mag, aber deren Zeit mit Sicherheit bald kommen wird.

Wir bereiten uns also kontinuierlich auf die Situation vor, dass ein Kunde bei uns anfragt und plötzlich in großem Stil einen neuen Ansatz ausrollen möchte, der vor kurzem noch als ´Zukunftsmusik‘ galt. Wir können durch die vielen Forschungsprojekte dann bereits auf zahlreiche Erfahrungen und auch Fehlschläge zurückblicken, die uns und dem Kunden helfen, das größte Risiko eines innovativen Vorhabens zu mildern.

Eine Zukunftsvision die technisch schon heute umsetzbar ist – Monitoring und Steuerung von Maschinen mit Hilfe von AR. Wie Centigrade in einem Forschungsprojekt aufzeigte, müssen die AR-Brillen jedoch noch ergonomischer und leichter werden, um von den Nutzern akzeptiert zu werden.

Frage: Das Saarland hat eine starke Forschungslandschaft, mit einer Vielzahl renommierter Institute, vor allem im IT-Umfeld. Ist die Nähe zur Forschung ein Standortvorteil für Centigrade?

Thomas Immich: Definitiv! Vor allem, was den direkten Standortvorteil am Uni-Campus angeht. Wir lieben die Nähe zum DFKI, Max-Planck-Institut, CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit oder natürlich auch zur Universität des Saarlandes.

Natürlich ist die örtliche Nähe Corona-bedingt gerade kein wirklicher Vorteil mehr, aber ich bin mir sicher – das wird wiederkehren! Und dann bin ich froh, einfach mal wieder fünf Minuten rüber zu schlendern, eine Idee zu diskutieren und wieder zurückzugehen.

Aber das Saarland hat ja glücklicherweise generell keine weiten Wege, daher ist u.a. auch die Zusammenarbeit z.B. mit Festo oder dem ZeMa immer unkompliziert möglich gewesen. Insgesamt sollten wir die konzentrierte IT-, Industrie- und UX-Power Saarbrückens gemeinsam auch in der Außendarstellung schärfen!

 

Autorin:
Anja Petschauer
Director Marketing
gwSaar Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Saar mbH

a.petschauer@invest-in-saarland.com